Politik - Judentum

Das Judentum lebensnah gestalten

21.11.2011 - 11:44 Uhr

51-jährige Ärztin aus Bamberg wird erste Rabbinerin Bayerns

Bamberg (dapd-bay). "Es ist wie ein Torbogen, durch den ich gehe", beschreibt Antje Yael Deusel ihre Situation. Denn wenn die 51-jährige Ärztin am Mittwoch in Bamberg zur ersten Rabbinerin Bayerns und zur ersten in Deutschland geborenen Rabbinerin nach dem Holocaust ordiniert wird, sieht sie Anfang und Ende gleichzeitig vor sich: Das Ende einer langen, anstrengenden Ausbildungszeit und den Anfang einer neuen Aufgabe in der Israelitischen Kultusgemeinde der fränkischen Stadt.

Den Entschluss, Rabbinerin zu werden, habe sie erst spät in ihrem Leben gefasst, erzählt die kleine Frau mit dem blonden Zopf und der Lesebrille. Zwar habe sie sich nach Abschluss ihrer Berufsausbildung schon mit Mitte 30 allmählich stärker in der Gemeinde engagiert und Seminare besucht oder als sogenannte Vorbeterin Gottesdienste gehalten. Erst vor vier Jahren habe sie dann aber den dringenden Wunsch verspürt, einen Schritt weiter zu gehen.

Also habe sie trotz einer Stelle als Oberärztin in der Urologie im Klinikum Bamberg ein Studium der jüdischen Geschichte und Kultur in Berlin und Potsdam begonnen und nebenbei die Rabbiner-Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg absolviert.

Wie sie die Doppelbelastung unter einen Hut bekommen hat, kann sie sich selbst nicht mehr erklären. "Ich weiß es nicht, ehrlich", gibt sie offen zu und lacht.

Ob sie nach ihrer Ordination dauerhaft weiter als Ärztin arbeiten kann, ist noch unklar. Derzeit gebe es in Bamberg zwar keine Struktur für einen Vollzeitrabbiner, aber das könne sich ja auch ändern. "Wir müssen jetzt erstmal sehen, wie viel Zeit ich für welche Aufgaben tatsächlich brauche", erzählt Deusel. Insofern dürften die nächsten Monate vor allem der Orientierung dienen, ihrer eigenen und der ihrer Gemeinde.

Als Rabbinerin will sie den Menschen vor allem wirkliche Berührungsmöglichkeiten mit dem Judentum vermitteln. "Es ist kein Museum. Man kann rein kommen, man kann teilnehmen", schildert sie. Dabei liegt ihr vor allem daran, das konservative Judentum, für das sie steht, lebensnah zu gestalten. "Ich will den Glauben nicht nur predigen, sondern auch leben und als Vorbild wirken." Dabei liegen der 51-Jährigen vor allem Kinder am Herzen, die sie mit kindgerechten Gottesdiensten spielerisch an den Glauben heranführen will.

Obwohl Deusel ihren Beruf als Ärztin mit der Weiterbildung zur Kinderurologin liebt, kann sie sich auch ein Leben als Vollzeitrabbinerin gut vorstellen. "Ich habe Verschiedenes ausprobiert, weil ich mich für so vieles interessiere", erzählt sie. Da wäre zum einen ihr Faible für Sprachen, das darin mündete, dass sie eine Ausbildung zur Dolmetscherin für Englisch und Französisch anfing.

Zum anderen sei Archäologie ihre große Liebe, schwärmt sie. Als sie sich gerade dazu entschlossen hatte, ein entsprechendes Studium anzutreten, bekam die gebürtige Nürnbergerin einen Studienplatz für Medizin im benachbarten Erlangen. "Mein Vater hat damals gesagt, dass es Zeit wäre, einen Beruf zu lernen, von dem man auch leben kann", erzählt sie. Also habe sie den Studienplatz angenommen - wenngleich nach reiflicher Überlegung.

Heute erkennt sie, dass sie als Rabbinerin ihrem Traumberuf ziemlich nahe gekommen ist: Sie kann sich durch die Anwendung des Hebräischen mit einer Sprache befassen, stillt beim Übersetzen von alten Schriften ihren Forschergeist und arbeitet zudem im Gottesdienst und der Seelsorge mit Menschen zusammen. Zufrieden stellt sie fest: "Ich bin jetzt eigentlich angekommen."

(dapd nachrichtenagentur)