Kultur
Denkmal oder Disneyland?
04.11.2009 - 14:46 Uhr
Am 6. November wird in Berlin die sanierte East Side Gallery wiedereröffnet
Berlin (ddp-bln). Die von Touristen gestellte Frage «Wo geht es hier zur Mauer?» müssen Berliner zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke häufig beantworten. Gesucht wird die East Side Gallery - ein 1,3 Kilometer langer Mauerstreifen, der 1990 von Künstlern aus 21 Ländern bemalt wurde, dessen Abriss immer mal wieder zur Diskussion stand und der nun komplett saniert wurde. Am 6. November, fast genau am Tag des Mauerfalls vor 20 Jahren, soll die Galerie nun wiederöffnet werden.
Irgendetwas musste an der East Side Gallery passieren - darüber waren sich zunächst alle einig: Das Wetter hatte dem Mauerwerk über die Zeit schwer zugesetzt, der Beton bröselte, das Eisengerüst im Inneren rostete vor sich hin und viele Bilder waren kaum mehr zu erkennen. Graffiti und «Mauerspechte» taten ihr Übriges, um den Verfall der längsten Freiluftgalerie der Welt zu beschleunigen.
Über das «Wie» der Sanierung gab es jedoch Streit. Fassungslos reagierten einige Künstler, als man ihre Bilder oder das, was davon übrig war, einfach entfernte. Den Aufruf, ihre Kunstwerke erneut aufzutragen, lehnten sie entrüstet ab. Auch die angebotene Aufwandsentschädigung von 3000 Euro löste Kopfschütteln aus angesichts einer Förderung der Lottostiftung von fast einer Million Euro zur Wiederherstellung der Bilder. Von «Ausbeutung der Künstler» und «Zweckentfremdung der Mittel» war nun die Rede.
Kani Alavi ist der Vorsitzende der Künstlerinitiative East Side Gallery und wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Bei der Sanierung sei alles mit rechten Dingen zugegangen, der 1996 gegründete Verein verfolge keine kommerziellen Interessen. Sein Ziel sei die Erhaltung dieses geschichtsträchtigen Ortes. «Wie sonst sollen wir folgenden Generationen einmal vermitteln, zu welchen Verrücktheiten Menschen hier in der Lage waren. Geschichte muss erlebbar sein, sonst kann man nicht aus ihr lernen», sagt Alavi. Er sei froh darüber, dass die East Side Gallery inzwischen unter Denkmalschutz steht.
Sorgen bereitet Alavi, dass dieser größte und bekannteste Rest der Berliner Mauer aufgrund kommerziellen Interessen durchlässiger wird. So wurde im Zuge des Investorenprojektes Mediaspree und durch den Bau der O2 World ein 45 Meter langes Stück der Mauer für einen Durchgang zur Spree herausgebrochen.
Insgesamt sind Alavi zufolge bereits drei derartige Durchgänge von Grundstückbesitzern an der Spree erwirkt worden, zwei weitere sollen folgen. «Dies zeigt nicht nur, wie schwach die Denkmalämter sind, es verfälscht auch den historischen Charakter der Mauer. Wie soll man Besuchern die Unüberwindbarkeit der innerdeutschen Grenze vor Augen führen, wenn sie voller Löcher ist?», fragt der Vorsitzende.
Auch der Künstler Bodo Sperling, Mitgründer der damaligen East Side Gallery, hält diese Durchbrüche für einen Skandal. Das war es dann aber auch schon an Gemeinsamkeiten mit Kani Alavi. Sperling ist Vertreter der Gründerinitiative East Side, einem Zusammenschluss von derzeit acht Künstlern, die sich strikt weigern, ihre Bilder neu zu malen. Er gehört zu den schärfsten Kritikern der Sanierung.
«Was wir hier erleben, hat nichts mit der ursprünglichen East Side Gallery zu tun. Es entsteht vielmehr eine Art Disneyland für Touristen, woran wir uns nicht beteiligen werden», kritisiert Sperling. Damals habe man eine graue Mauer und nicht eine weiße Fläche bemalt, wodurch die Farben wesentlich härter gewirkt hätten. «Statt die Kunstwerke zu zerstören, wäre es angebracht gewesen, sie zu restaurieren, um ihren Charakter zu erhalten». Aus den Reihen der Gründerinitiative stammen auch die Vorwürfe der «Zweckentfremdung von Mitteln».
Wie verhärtet die Fronten zwischen den Parteien mittlerweile sind, verdeutlichen auch die unterschiedlichen Zahlen, die sie auf Anfrage nennen. Sperling gibt beispielsweise an, nur 74 von 101 noch lebenden Künstlern hätten an der neuen East Side Gallery gemalt. Alavi hingegen nennt die Zahl 98. Beide bezichtigen sich gegenseitig der Lüge.
Auf die Frage, was er von dem Streit halte, schüttelt Salvatore di Fazzio, einer der Künstler an der East Side Gallery, nur den Kopf. Er möchte die Frage nicht beantworten, sie ist ihm sichtlich unangenehm. Di Fazzio ist aus Amerika gekommen, um den «Spirit» zu erneuern, der hier vor 20 Jahren geherrscht hat. Genau wie damals wird er auch diesmal von seinem Sohn Philip unterstützt. Sie konnte die Mauer bisher nicht entzweien.
(ddp)
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