Politik - Kirchen

Der Ökumenische Kirchentag im Zeichen der Missbrauchsdebatte

10.05.2010 - 14:42 Uhr

Thematische Vielfalt droht in den Hintergrund zu geraten

München (ddp). Die Vorzeichen für dieses Großereignis sind denkbar schlecht: Mit dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München wollen die großen Kirchen in Deutschland eigentlich ihre Gemeinsamkeiten hervorheben und Impulse für zentrale gesellschaftliche Debatten setzen. Doch vor allem die katholische Kirche steht angesichts der Vielzahl von Missbrauchsvorwürfen gegen Geistliche seit Wochen mit dem Rücken zur Wand und ringt um Vertrauen. Nur zwei der rund 3000 ÖKT-Veranstaltungen befassen sich mit der Missbrauchsproblematik - und doch droht sie den Kirchentag zu überlagern.

Spitzenvertreter der Kirche sehen das mit Sorge. Es sei «gut», dass die ÖKT-Leitung kurzfristig zwei Veranstaltungen zum Thema Missbrauch ins Programm aufgenommen habe, sagt beispielsweise der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. «Es sollte aber ein Thema unter vielen wichtigen Themen bleiben», mahnt Zollitsch. Und auch der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Stefan Vesper, betont mit Blick auf die Missbrauchsdebatte: «Mir liegt sehr daran, dass das Programm in seiner ganzen Breite wahrgenommen wird, das wir mit vielen engagierten Menschen über zwei Jahre vorbereitet haben.» Beim ÖKT gehe es um das christliche Zeugnis in der Gesellschaft, «und das sollte nicht in den Hintergrund treten».

Im 720 Seiten starken Programm des ÖKT sind die beiden Veranstaltungen zur Missbrauchsproblematik wegen des frühen Redaktionsschlusses noch gar nicht aufgelistet. Bei einer davon geht es um sexuellen Missbrauch als «gesellschaftliches Problem». Auf dem Podium sitzt unter anderem die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD). Die zweite Diskussion befasst sich speziell mit Missbrauch in der Kirche. Dazu werden der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, und die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) erwartet.

Dass ausgerechnet wenige Tage vor dem 2. ÖKT mit Walter Mixa auch noch gegen einen Bischof ein Missbrauchsverdacht publik wurde, sorgt für zusätzliche Brisanz. Zollitsch und Vesper setzen aber darauf, dass der ÖKT gerade angesichts der Schlagzeilen der vergangenen Wochen der katholischen Kirche Gelegenheit bietet, sich der Öffentlichkeit wieder von einer anderen Seite zu zeigen. Vesper bezeichnet den Kirchentag als «eine große Chance, auch in der jetzigen, für die katholische Kirche belastenden Situation». Denn er könne zeigen, «dass wir als Christen das Vertrauen rechtfertigen, das die Menschen in uns haben«.

Und auch Zollitsch ruft dazu auf, den Kirchentag als Chance zu erkennen, »um den Blick für wichtige Themen zu weiten«, die in den vergangenen Wochen leider vergessen worden seien. »Ich denke etwa an Fragen wie die alternde Gesellschaft, die hohe Staatsverschuldung, Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden», sagt der Vorsitzende der Bischofskonferenz.

Die thematische Bandbreite des ÖKT ist in der Tat außergewöhnlich. Es geht um Globalisierung, Frieden und Menschenrechte, um Finanzkrise, Armut, und Biopatentierung, um den Dialog mit dem Islam und dem Judentum. Und nicht zuletzt soll die Großveranstaltung natürlich die Ökumene stärken und die Kirchen in Deutschland weiter zusammenwachsen lassen. Auch darin liegt in der gegenwärtigen Lage eine Chance für die Kirchen. Zollitsch betont: «Wir können nur gemeinsam, nicht aber auf Kosten des jeweils anderen stark sein.»

(ddp)

nachrichten, presse, verlag, zeitschrift, aktuelle nachrichten, artikel, zeitschriften, zeitungen, medien, politik, wirtschaft, kultur