Kultur

Hamburger Kulturfabrik Kampnagel ruft zum Teilen auf

09.08.2011 - 11:44 Uhr

Internationales Sommerfestival beginnt am Donnerstag

Hamburg (dapd). Acht Menschen, acht Blickwinkel hat das Stück "Ressource Baby! Eine Revue über Nutzen, Brauchen und Handeln". Unter ihnen ist ein langhaariger Computerprogrammierer in einem knallblauen T-Shirt mit einer verpixelten Wolke. Das T-Shirt ist ein Symbol für "Gemeingüter", dem Themenschwerpunkt des diesjährigen Internationalen Sommerfestivals in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Ab Donnerstag (11. August) versammelt das Festival für drei Wochen internationale Choreografen, Tänzer, Schauspieler, Musiker und Wissenschaftler.

"Solche T-Shirts werden von Internetprojekten verliehen und zeigen, dass du dein Wissen oder Geld geteilt hast, für einen gemeinnützigen Zweck", sagt Michael Schieben von der Gruppe Max Clement Movement, deren Stück "Ressource Baby!" am 17. August uraufgeführt wird.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln hat das Hamburger Künstlerkollektiv um Armin Chodzinski zusammengetragen, was Gemeingüter sind und was das Teilen so problematisch macht. Als Programmierer und Web-Designer haben Schieben und Milan Matull im Stück die Aufgabe, das Publikum in "die virtuelle Magie, also das Internet", einzuführen. Wie Wikipedia machen sie ihr Spezialwissen über die Welt des Internets den Menschen zugänglich.

"Es geht um die Sehnsucht nach dem Teilen und Gemeinschaft, aber auch um die Angst davor", sagt Chodzinski. Teilen könne unsere Welt besser machen, aber das sei ebenfalls kompliziert. "Das Urheberrecht bedeutet für Internetmenschen etwas anderes als für Musiker", sagt Chodzinski. Zu seiner Gruppe gehören auch drei Musiker, die als Bandmaster Fresh ihre Musik allein dem Tanzen zur Verfügung stellen - ohne einen Sänger, der sich in den Vordergrund stellt, ohne Profitgedanken, nur für die Gemeinschaft.

Sich selbst versteht Chodzinski eher als Vertreter einer sozialromantischen Perspektive. 1970 geboren, kann er sich ein Leben ohne Arbeiterklasse nicht vorstellen: "Ich finde Studenten scheiße, während Michael und Milan wohl eher die Arbeiterklasse als prekäre Unterschicht betrachten." Bei allen Unterschieden gehe es darum, gemeinsam eine Lösung zu finden und das Problem der Gemeingüter als einen Verhandlungsprozess zwischen den Menschen zu verstehen.

Nicht alle Stücke des Festivals haben etwas mit dem Thema "Gemeingüter" zu tun. So wird das Festival etwa mit dem Stück "Kontakthof" des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch eröffnet. "Die meisten sind einfach nur hier, weil sie die Besten sind", sagt Matthias von Hartz, Künstlerischer Leiter des Festivals. Sein Hauptkriterium: "Eine radikale Handschrift" - wie etwa die von Cuqui Jerez in "The Nowness Mystery" (12. August), die neueste Entdeckung.

Seit 2008 begreift von Hartz das Festival jedoch als eine politische Plattform, auf der Gesellschaft diskutiert und nicht nur Kunst vorgeführt wird. Jedes Jahr steht ein anderes Thema zur Diskussion. 2010 ging es um die "Ressource Wasser". Dieser Ansatz solle nun konsequent fortgesetzt werden, sagt er. "Gemeingüter", das seien nicht nur Ressourcen wie Wasser und Luft, sondern auch soziale Sicherheit, wie die Uraufführung der Performancegruppe Geheimagentur am 24. August zeige. Das Stück "Parlez!" versucht gemeinsam mit Kindern und somalischen Piraten herauszufinden, warum die Fischer von Somalia zu Seeräubern wurden.

"Es geht darum, was allen gehört und was schwer zu schützen ist, und darum, Alternativen zu diskutieren", sagt von Hartz. Eine konkrete Antwort ist das "Gartendeck" des Festivals - ein Gemeinschaftsgarten, der im Hamburger Stadtteil St. Pauli von Freiwilligen bepflanzt wird. Hier gehört alles allen.

Chodzinski zufolge kann beim Thema "Gemeingüter" einer allein die Regeln nun mal nicht festlegen. "Wir müssen das gemeinsam machen", sagt er. "Die Leute sollen beim Rausgehen denken: Ich verstehe das Problem, und es ist auch meins oder besser unseres."

(dapd nachrichtenagentur)