Leute - Heesters
Johannes Heesters im Porträt
16.12.2009 - 17:16 Uhr
Der 106-Jährige stellt in München ARD-Filmbiografie vor und wünscht sich eine schönen Rolle
München (ddp-bay). Bevor der Trubel begann, zog Johannes «Jopie» Heesters in einem Nebenraum noch einmal genüsslich an einer Zigarette. Dieses Laster gönnt er sich nach wie vor. Elf Tage nach seinem 106. Geburtstag war der Schauspieler und Sänger am Mittwoch gemeinsam mit seiner Frau Simone Rethel-Heesters und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe nach München gekommen, um ein neues ARD-Filmporträt über sein bewegtes Leben und seine fast 90-jährige Karriere vorzustellen. Der älteste aktive Bühnenkünstler der Welt ließ das Blitzlichtgewitter der mehr als 30 Fotografen geduldig über sich ergehen und drückte dabei liebevoll die Hände der drei Frauen an seiner Seite.
Die Begrüßung der zahlreich versammelten Presseschar übernahm der Künstler, der erblindet ist und darum beim Betreten des Raumes gestützt wurde, selbst: «Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich freue mich, dass sie alle hier sind», tönte es mit kraftvoller Stimme durch den Saal. Die anschließende Vorstellung des Films aus der ARD-Reihe «Legenden», der am 23. Dezember (21.45 Uhr) im Ersten ausgestrahlt wird, verfolgte Heesters in voller Länge mit und zeigte sich im Anschluss «begeistert». Auch seine Töchter reagierten berührt.
Der 42 Jahre alte Autor Philipp Engel hatte Heesters in seinem Haus am Starnberger See besucht, Interviews geführt, Archivmaterial alter Filme und Familienfotos zusammengestellt und so ein vielschichtiges Porträt geschaffen. Nicht nur Heesters´ große Film- und Bühnenerfolge der vergangenen 88 Jahre werden in dem Porträt beleuchtet, sondern auch seine umstrittene Rolle als Unterhaltungsstar während des Nationalsozialismus und sein Besuch im Konzentrationslager Dachau 1941.
Der Film sei sehr «objektiv» mit dieser kritischen Zeit umgegangen, sagte Rethel-Heesters. Tochter Nicole Heesters erklärte: «Mein Vater ist ein völlig unpolitischer Mensch gewesen, das kommt, glaube ich, in dem Film raus. Es ging ihm darum, Theater zu spielen, Rollen zu spielen und er hat die Leute beglückt in einer sehr schrecklichen, in einer sehr traurigen Zeit.»
An einer Stelle ahmt Heesters Hitlers Reaktion auf eine der Vorstellungen der «Lustigen Witwe» nach: «Du bist der beste Danilo, den ich jemals gesehen habe und das soll ein Kompliment sein.» Vor allem in seiner Heimat nahm man ihm seine Vergangenheit lange sehr übel. Ein Traum ging darum für Heesters in Erfüllung, als er 2008 erstmals nach 44 Jahren wieder in seiner niederländischen Geburtsstadt Amersfoort auftreten konnte und - neben Protesten vor dem Theater - im Saal mit stehenden Ovationen gefeiert wurde. «Ich bin Holländer und ich bleibe Holländer, und ich liebe mein Land, trotz allem», sagte er am Mittwoch auf die Frage, ob er je mit dem Gedanken gespielt habe, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.
Johan Marius Nicolaas Heesters wurde 1903 geboren. In Holland bereits ein Star, ging er 1934 nach Wien, wo er seine Karriere im deutschsprachigen Raum begann. Ab 1935 stieg er zum Ufa-Leinwandhelden der leichten Muse auf. Berühmt wurde Heesters unter anderem mit Filmen wie «Der Bettelstudent» (1936) an der Seite von Marika Rökk, «Karneval der Liebe» (1942) und als Graf Danilo in Franz Lehárs Operette «Die lustige Witwe» - seine Paraderolle, die er mehr als 1600 Mal spielte. «Heut´ gehen wir ins Maxim» wurde zu seiner Erkennungsmelodie.
Wie er, der große Frauenliebling, es in seiner ersten Ehe mit Operettensängerin Louisa Ghijs mit der Treue gehalten habe, will der Autor im Film von Tochter Wiesje Herold-Heesters wissen: «Er war ein Mann, der wusste, wo sein Hafen ist. Und das wusste sie auch, und dann klappt´s - egal ob Affäre oder nicht», berichtete sie. Mit Ghijs war Heesters 53 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1983 verheiratet. Am Ende pflegte er seine kranke Frau.
1992 gab Heesters der 46 Jahre jüngeren Schauspielerin und Künstlerin Simone Rethel das Ja-Wort. Der Tod sei für sie beide kein Thema, «weil wir das bewusst wegschieben», hebt die 60-Jährige im Film hervor. «Wenn wir darüber nachgedacht hätten, hätten wir uns die 20, 23 Jahre, die wir jetzt zusammen sind, kaputt gemacht.» Auch dass viele Menschen fragten, warum ihr Mann nicht loslassen und seine Karriere beenden könne, sei einfach «eine falsche Einstellung zum Leben».
Ans Aufhören denkt Heesters weiterhin nicht. Im Gegenteil: Sein Wunsch sei es, dass ihm noch einmal eine schöne Rolle auf den Leib geschrieben wird, sagte er am Mittwoch. «Das möchte ich noch machen, eine schöne Charakterrolle - komisch, dramatisch, dass man sagt, ja, das ist gelebt, aber das ist schwer», sagte Heesters. Ein paar Minuten zuvor hatte seine Tochter Wiesje in seiner Filmbiografie gesagt: «Ich glaube, das Schönste wäre für ihn, auf der Bühne zu sterben (...) und dann Applaus.»
(ddp)
16.12.2009 - 17:16 Uhr | News-ID: 28535 | 89 Aufrufe
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