Politik - Prozesse

John «Iwan» Demjanjuk - Vom Bauernsohn zum Massenmörder?

20.11.2009 - 13:16 Uhr

Nach Todesurteil und Freispruch steht Ukrainer in München vor Gericht

München (ddp-bay). Sein Leben hat ihn um den halben Globus geführt. Seit Mai dieses Jahres aber ist John Demjanjuk wieder zurück in Europa: Er wartet in München-Stadelheim auf seinen Prozess, der am 30. November vor dem Münchner Landgericht beginnen soll. Die Anklage lautet auf Beihilfe zum Mord in 27 900 Fällen. Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft dem 89-Jährigen vor, im Sommer 1943 als bewaffneter Wachmann im polnischen Vernichtungslager Sobibor Juden aus den eintreffenden Transportzügen in die Gaskammern getrieben zu haben.

Die Geschichte John Demjanjuks aber beginnt viel früher, in der Ukraine, wo er 1920 als «Iwan» geboren wurde. Er wächst als Bauernsohn in einem kleinen sowjetischen Dorf auf und arbeitet als Traktorist auf einer Kolchose, als er 1940 von der Roten Armee zum Krieg gegen Deutschland eingezogen wird. Zwei Jahre später ergreifen ihn die Nationalsozialisten und Demjanjuk landet in einem Kriegsgefangenenlager. Entsprechend der NS-Rassenideologie wurden «die sowjetischen Kriegsgefangenen sehr, sehr schlecht behandelt», erklärt die Historikerin Angelika Benz. «Man wollte sie vernichten und ließ sie verhungern oder erfrieren.»

Nach etwa einem Monat in Gefangenschaft ergibt sich für den damals 22-jährigen Ukrainer die Möglichkeit, dem Elend im Gefangenenlager zu entrinnen: Er wird als sogenannter Freiwilliger für das SS-Ausbildungslager Trawniki nahe Lublin ausgewählt. Hier werden gesunde Männer «zum verlängerten Arm der SS ausgebildet», erklärt Benz. Demjanjuk erhält eine Grundausbildung, in der er unter anderem ein paar Brocken Deutsch lernt, «hauptsächlich, um die deutsche Kommandosprache zu verstehen», sagt die Historikerin.

Nach seiner Grundausbildung wird Demjanjuk nach Sobibor geschickt, wo er mit den anderen «Trawnikis» als Bindeglied in der Befehlskette zwischen Juden und SS agiert. Laut Anklage gab es im Lager nur 20 bis 30 SS-Angehörige, aber bis zu 150 Trawnikis. Wie weit sich die russischen Wachmänner dem SS-Regime wirklich aus eigenem Willen unterordneten, hält Benz für fragwürdig: «Wenn ich mitbekomme, dass 50 Prozent meiner Mitgefangenen umkommen, stellt sich die Frage der Freiwilligkeit nicht», findet die Historikerin.

Zwar handle es sich bei den Trawnikis um jene Täter, «die wirklich Blut an den Händen haben», da sie im Gegensatz zu zahlreichen Schreibtischtätern direkten Kontakt zu den Deportierten hatten. Tatsächlich aber haben sie immer unter der Überwachung und Verantwortung von SS-Angehörigen gehandelt.

Als Sobibor nach einem Aufstand der jüdischen Häftlinge im Oktober 1943 aufgelöst wird, schickt man Demjanjuk nach Flossenbürg. Nach dem Krieg erhält Iwan Demjanjuk eine Einreisegenehmigung in die USA. Er lebt ein amerikanisches Bürgerleben mit Frau und drei Kindern in Ohio, wo er als Automechaniker bei Ford arbeitet.

Als er 1958 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, nutzt er die Gelegenheit, um seinen russischen Vornamen in «John» zu ändern. Das Bürgerleben der Demjanjuks bekommt 1975 Risse, als, wie der israelische Autor Tom Segev in einer Publikation für das Frankfurter Fritz Bauer Institut schreibt, ein sowjetischer Journalist Demjanjuks Namen auf einer Liste ukrainischer NS-Kollaborateure entdeckt. Er übergibt das Dokument den US-Justizbehörden.

Demjanjuk wird die Staatsbürgerschaft wieder aberkannt und die USA liefern ihn nach Israel aus. In Jerusalem wird er 1988 zum Tode verurteilt. Der Staatsanwalt Michael Shaked hält ihn für den berüchtigten «Iwan den Schrecklichen», der die Gaskammern in Treblinka bedient haben soll. Demjanjuk habe in der Verhandlung wie ein «ungebildeter, grobschlächtiger, glatzköpfiger Ukrainer mit Donnerstimme» gewirkt, erinnert sich Segev, der den Prozess in Israel begleitete.

Der Ukrainer legt Berufung gegen sein Todesurteil ein und wird im Juli 1993 aufgrund von Zweifeln an seiner Täterschaft freigesprochen. «Der Fall ist abgeschlossen, aber unvollendet», heißt es in der Begründung des Jerusalemer Gerichts.

Mittlerweile scheint die Identität Demjanjuks, der offenbar nie in Treblinka war, geklärt. Ob es nun also doch zu einer «Vollendung» des Falles Demjanjuk kommt, wird der Prozess in München zeigen.

(ddp)

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