Vermischtes - Prozesse

Rentner gesteht Entführung seines ehemaligen Steuerberaters

08.02.2010 - 20:31 Uhr

Prozessauftakt in Traunstein - 74-Jähriger fühlte sich «veräppelt»

Traunstein/Speyer (ddp-rps). Er fühlte sich von seinem Steuerberater «veräppelt und verarscht» und rächte sich auf seine Weise. Seit Montag steht der 74 Jahre alte Rentner Roland K. vor dem Traunsteiner Landgericht. Er muss sich gemeinsam mit seiner Ehefrau, einem Arztehepaar und einem ehemaligen Mitarbeiter des Steuerberaters wegen Geiselnahme vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, den 57-jährigen Steuerberater James A. aus Speyer gemeinsam entführt zu haben, um Geld zurückzufordern, das sie bei ihm angelegt und nicht wiederhalten hatten.

Zu Prozessbeginn berichtet der geständige Rentner mehrere Stunden über die Vorfälle bis Juni 2009 - so ausführlich, dass der leitende Richter Kurt Niedermeier den 74-Jährigen immer wieder unterbricht. Dabei vertritt der Angeklagte stets die Ansicht: «Nicht wir waren hier diejenigen, die ein Ding gedreht haben, sondern er war das!»

1997 hatten Roland K. und seine Frau in Naples im US-Bundesstaat Florida des erste Mal Geld bei Steuerberater James A. angelegt, 680 000 Dollar. In den ersten Jahren seien die Zinszahlungen stets pünktlich auf seinem Konto eingegangen, sagt der frühere Unternehmer vor Gericht. Später dann nicht mehr. Erst als er 2007 davon erfahren habe, dass James A. zahlungsunfähig sei, sei ihm bewusstgeworden, dass dieser «ganz systematisch ein Schneeballsystem aufgebaut» habe.

Der Rentner forderte sein Geld zurück, jedoch ohne Erfolg. Daraufhin beschloss er, sein Geld mit anderen Mitteln wiederzubeschaffen. Er fuhr mit dem Mitangeklagten Wilhelm D., der früher für den Steuerberater gearbeitet hatte, zu einem «Finalgespräch» zu dem Steuerberater in dessen Wohnort Speyer. Für den Fall, dass der Steuerberater auch dort nicht auf seine Geldrückforderung eingehen würde, baute der 74 Jahre alte gelernte Industriekartonagenmeister aus Umzugskartons und Holz eine mannshohe Kiste und traf weitere Vorbereitungen. Als das Gespräch in Speyer tatsächlich erfolglos blieb, erzählt der Rentner weiter, fesselten er und sein Komplize den Steuerberater mit silbernem Klebeband und zwangen ihn in die Kiste. Dann brachten sie ihr Opfer zu ihrem Auto. Der Steuerberater habe sich nicht gewehrt. Er habe «nur gegrinst, sonst nichts», berichtet der Rentner. Dann sperrten sie ihr Opfer in den Kofferraum und transportierten es ins oberbayerische Chieming. Stets betont der 74-Jährige während seiner Aussage, er sei nicht gewalttätig geworden.

In K.´s Haus in Chieming schlossen K. und D. ihre Geisel schließlich im Keller ein. Auch das Arztehepaar F. soll dabei gewesen sein. Die beiden hatten ebenfalls hohe Geldbeträge bei dem Steuerberater angelegt. Sie hätten ihn so lange festhalten wollen, bis er den Forderungen nachkomme, berichtet der Rentner. Seine Frau habe von der Entführung nichts gewusst. Ihr habe er erzählt, der Steuerberater sei zu Besuch. In mehreren Fax-Nachrichten an Treuhänder wies das Opfer - wie es die Entführer von ihm verlangten - schließlich bei seiner Bank Überweisungen von mehr als zwei Millionen Euro zugunsten seiner Entführer an. Dabei gelang es ihm, an einen Bankmitarbeiter eine verschlüsselte Botschaft mitzuschicken: «Sell 100 Call Pol.ICE - bitte heute!»

Nach insgesamt vier Tagen Geiselnahme und einem misslungenen Fluchtversuch wurde der Steuerberater schließlich von der durch den Bankmitarbeiter alarmierten Polizei befreit. Den Angeklagten drohen Haftstrafen von mindestens fünf Jahren. Der ebenfalls angeklagte 67 Jahre alte Arzt Gerhard F. erschien am ersten Verhandlungstag nicht. Das Verfahren gegen ihn sei vorläufig eingestellt, teilte Richter Niedermeier zu Prozessbeginn mit.

(ddp)

08.02.2010 - 20:31 Uhr | News-ID: 38794 | 30 Aufrufe

Schlagworte: Vermischtes Meldung Prozesse Feature Entführung FEA Traunstein



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