Politik - Bundeswehr

Soldaten aus Heidelberg brechen nach Kabul auf

27.01.2010 - 17:02 Uhr

NATO-Hauptquartier entsendet am Tag vor Londoner Afghanistan-Konferenz Verstärkung

Heidelberg (ddp). Es ist eine kurze Zeremonie, mit der die etwa 70 Soldaten an diesem Mittwoch offiziell im Heidelberger NATO-Hauptquartier verabschiedet werden. Am Samstag wird das ISAF-Einsatzkontingent nach Kabul abrücken. Generalleutnant Roland Kather ermutigt die uniformierten Frauen und Männer: Sie seien bestens für ihre Aufgabe ausgebildet. «Möge Gott Euch schützen», ruft er ihnen zu.

Die meisten der Frauen und Männer, die aus verschiedenen NATO-Ländern kommen, sollen im Hauptquartier von US-General Stanley McChrystal in Kabul für zwei Jahre Dienst leisten. Zeitgleich dürften an diesem Mittwoch die letzten Vorbereitungen für die Afghanistan-Konferenz in London laufen. Dass die Bundesregierung künftig mehr Soldaten nach Afghanistan entsenden will, hält Generalleutnant Kather für richtig. Auch, dass sie künftig verstärkt im Land unterwegs sein sollen, anstatt sich im Hochsicherheitstrakt ihrer Camps zu verschanzen, hält der Kommandeur für eine kluge Entscheidung. «Es ist richtig, dass unser Handeln künftig stärker auf die Menschen in Afghanistan ausgerichtet ist», sagt er. Es gelte Vertrauen zu gewinnen und das sei eben nicht möglich, wenn ISAF-Soldaten nur in gepanzerten Wagen im Land unterwegs seien.

Die Soldaten müssten stärker auf die Bevölkerung zugehen und zeigen, dass sie keine Besatzer sein wollten, gibt er seinen Leuten die taktische Richtung mit auf den Weg. Dafür müsse die Truppe aufgestockt werden und auch die Deutschen müssten dazu ihren Beitrag leisten. «Dann kann die Mission ein Erfolg werden», betont der ranghohe deutsche Militär, der schon bei seinen Einsätzen im Kosovo, das, wie er sagt, Prinzip «Walk and Talk» praktiziert hat. Dialog sei das Schlüsselwort.

Doch kann es ein freundliches Gespräch zwischen Soldat und Einheimischen überhaupt geben in einem Land wie Afghanistan, wo Freund und Feind äußerlich kaum zu unterscheiden sind, fragen viele. Kather schärft seinen Soldaten ein, dass eine gute Leistung der Führungskräfte das Sicherheitsrisiko kleinhalten könne. «Sie sind es, die die Lage einschätzen können. Sie müssen wachsam sein, wenn bei ihren Besuchen in den Dörfern plötzlich neue Gesichter auftauchen», warnt Kather.

Solche möglichen Alarmzeichen zu registrieren, gleichzeitig aber den Kontakt zu den Bewohnern aufrecht zu halten, das sei in der Tat ein Spagat. Der sei aber nur durch «längere Stehzeiten» - sprich einen längeren Aufenthalt - der Soldaten in den Siedlungen möglich.

Die neue Ausrichtung der Berliner Afghanistan-Politik halten denn auch die meisten der Soldaten in Heidelberg für sinnvoll: «Ja, es ist richtig, mehr Soldaten zu senden und in die Fläche zu gehen», sagt etwa ein Unteroffizier. Er nennt die US-Soldaten als gutes Beispiel für den engeren Kontakt mit der Bevölkerung. »Die schlafen manchmal auch in den Siedlungen, das bedeutet schon mal, dass dort in der Nacht keine Taliban unterkommen können«, sagt er.

Dass die in den vergangenen Wochen stärker gewordene Kritik am deutschen Afghanistan-Einsatz abnehmen wird, glaubt der Unteroffizier indes nicht. Er hält die Debatte aber für sinnlos: »Man kann zwar darüber streiten, ob es damals die richtige Entscheidung war, nach Afghanistan zu gehen. Das bringt aber nun auch nichts mehr«, sagt der 39 Jahre alte Deutsche. Nun müsse man die Mission am Hindukusch »anständig zu Ende bringen«.

Ähnlich sieht das auch ein 46 Jahre alter Oberstleutnant. »Wir können die Leute nicht im Stich lassen. Die allermeisten von ihnen haben Angst vor einem erneuten Regime der Taliban«, sagt der Mann der vor zwei Jahren schon einmal am Hindukusch im Einsatz war.

Die von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) propagierte Idee, wirtschaftlich attraktive Angebote an die Mitläufer der Taliban zu machen, um sie zum Aussteigen zu bewegen, hält er für gut: «Die Armut und Perspektivlosigkeit der afghanischen Bevölkerung ist für die Taliban eine Art Einfallstor. Sie zahlen den Menschen dort 100 Dollar für das Anbringen einer Bombe am Straßenrand», sagt er. Wenn die afghanischen Mitläufer aber eine Perspektive geboten bekämen, warum sollten sie sich dann noch an Gewalttaten beteiligen? fragt der Oberstleutnant.

(ddp)

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