Leser-Kommentar (ID 287) von Satir
Essay von Richard David Precht im Spiegel 2/2012
Vom Schlingern der Galeere
Bio-philosophische Betrachtungen über die obskuren Märkte
Versuch einer Kritik
RDP stellt Fragen, die von Ökonomen gemieden werden wie vom Teufel das Weihwasser.
Kann Sparen der europäischen Volkswirtschaften eine Lösung sein? Schrumpfen damit nicht Volkswirtschaften, sinkt nicht die Kaufkraft, erhöht sich nicht die Arbeitslosigkeit, verarmen damit nicht die Mittel-und Unterschichten und steigt damit nicht das Risiko von Unzufriedenheit und Unruhen?
Und ist unter den denkbaren vier Maßnahmen – Sparen, Steuererhöhungen, Schuldenschnitt, gezieltes Herbeiführen von Inflation – Sparen letztlich die gefährlichste?
Auf all diese Fragen geben Experten keine Antworten. Sie leiden unter einer frappierenden Ideenlosigkeit. Den sogenannten Märkten fällt schon gar nichts ein. Die FDP, die früher alles besser wußte, macht schon gar keinen Versuch mehr, ihre vermeintliche Wirtschaftskompetenz zu beweisen.
Die Wirtschaftswissenschaften erklären wieder und wieder wie es aus ihrer Sicht zur Krise kam. Doch das hilft nicht weiter, sie erscheinen mehr und mehr als Glaubensgemeinschaften.
RDP meint, mit psychologischer Analytik käme man auch nicht weiter.
Doch da widerspricht er sich selbst, wenn er ausführt, der Finanzmarkt sei von einer bestehenden Vertrauenskultur abhängig.
Seinen Ausflug in die Biologie und insbesondere in die Evolutionstheorie am Beispiel der sogenannten „Staatsquallen“ möchte ich nur soweit kommentieren, als es ja gerade die Biologen waren, die den Gesellschaftwissenschaftlern den Floh von den in der Ökonomie weiterwirkenden Naturgesetzen ins Ohr setzten. Wenn wir nun die Quallen benutzen um die Gefahren von kollektivem Selbstmord zu beschreiben, dann beschreiben wir damit zugleich, wie wenig wir uns biologischen Gesetzen unterwerfen wollen.
Griff nicht zuletzt der Neoliberalismus sogenannte Naturgesetze dankbar auf und nahm der Gesellschaft folgerichtig das Recht zur Gestaltung der Ökonomie nach eigenen Vorstellungen? Der darin versteckte Container des Sozialdarwinismus wird ja auch von RDP kritisch beleuchtet.
Nach dem Umweg über die Biologie kommt er, wie es sich für einen Philosophen gehört, doch zu der klaren Erkenntnis, dass wir eine Wende brauchen und diese allerdings nur von Wissenschaftlern eingeleitet werden kann, deren Gegenstand die Gesellschaft, nicht der Markt ist.
Und da hilft natürlich die Biologie auch nicht weiter. „Die sozialen, politischen und moralischen Zusammenhänge, um die es geht, sind weit größer als die Ökonomie.“
Zu Recht beklagt er auch die Unfähigkeit die Komplexität der Phänomene des Marktes zu beschreiben.
Und er kritisiert zu Recht die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten des von ihm nicht – warum eigentlich nicht - benannten Neoliberalismus, wie sie von Christoph Butterwege u.a. in ihrem Buch „Kritik des Neoliberalismus“ beschrieben wurden.
Er macht damit einen Fehler, wie ihn allzugern alle unsere Wissenschaften machen. Sie arbeiten zu wenig interdisziplinär und bauen damit nicht weiter an bereits klar erkannten Konstruktionen der Wirklichkeit. Haben sich nicht wenigstens diese Autoren bemüht die von ihm angesprochenen größeren Zusammenhänge nach den Maßstäben eines wissenschaftlichen Publikums auch für alle nach Orientierung und politischem Mitwirken Suchenden heraus zu arbeiten?
Man kann sich allerdings beim Lesen der konkreten Vorschläge und der konkreten Kritik an und zur Finanzwirtschaft gut vorstellen, dass die o.g. Autoren zu ähnlichen Ergebnissen kämen.
Sein Verdienst liegt eben wie das der Autoren darin, dass er versucht die Weltanschauung der Ökonomen und den Glauben an ihre „Naturgesetze“ zu zerstören und den Blick frei zu machen für eine „unbefangene“ Sicht auf die Wirklichkeit.
Schön wäre es allerdings gewesen, wenn er auf die Verdienste der Ocupy-Bewegung hingewiesen hätte, ohne deren Proteste seine alternativen Vorschläge in der Politik kaum eine Chance auf –globale -Umsetzung hätten.
P.S.: Der Artikel von RDP ist lesenswert.
Günther Kirchner