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Leser-Kommentar (ID 310) von Satir


Kritik zum Artikel im Der Spiegel 23/2012 /Der neue Mensch – Über die alberne Hoffnung auf eine Jugendrevolte im Netz - Von Matthias Matussek

Der neue Mensch im Auge rechtschaffener Wutschreiber

Die Nachsicht der Meinungsmacher mit den Piraten erzürnt Matussek. Vor allem die geringe Achtung der „Wohlstandverwahrlosten“ vor dem Urheberrecht lässt ihn zur Kreuzigung ausholen. Ihm ist vor lauter Wut gar nicht aufgefallen, dass die Piraten gar nicht alles umsonst haben wollen. Das Urheberrecht ist halt sein Ein und Alles. Hier hat er den Maß-Stab gefunden, den er nun über die Jugend bricht. Da kommen – überraschenderweise von einem Erzkonservativen - sogar die französische Revolution und die 68er vergleichsweise gut weg.
Auch wenn sein Freund Fleischhauer (Spiegel-Schreiber wie er) gern gegen die Linke polemisiert, die Nazivergleiche gern benutzten um politische Gegner auszuschalten, so bastelt er nun am gleichen Strickmuster.
Wie sagte doch Fleischhauer: „Hinter dem ehrenwerten Ansinnen, Deutschland vor dem Rückfall in die Barbarei zu bewahren, steht jedoch oft nur das selbstdienliche Motiv, einen politischen Kontrahenten auszuschalten. Bleibt die Frage, wie weit Pirat Delius eigentlich daneben lag, als er den Siegeszug seiner Partei mit dem der NSDAP verglich. Nicht sehr weit, muss man sagen. Die NSDAP verachtfachte die Zahl ihrer Mitglieder zwischen 1928 und Anfang 1933, und zwar von 108.000 auf 850.000. So ein Wachstum hat bis zum Auftauchen der Piraten keine andere Partei mehr hinbekommen - nicht einmal die Grünen, die einst die Angst vor dem Atomtod in die Parlamente brachte. Auch was die Mitgliederstruktur angeht, gibt es gewisse Ähnlichkeiten: jung, vorwiegend männlich - wie das eben so ist bei Protestbewegungen. Aber wir wollen den Gedanken hier nicht weiter verfolgen. Sonst heißt es anschließend noch, wir hätten einen geschmacklosen, um nicht zu sagen ungeheuerlichen Vergleich gezogen.“
Matussek holt nun nach was sich sein Freund Fleischhauer gerade noch so verkneifen konnte.
Er überschlägt sich mit Nazivergleichen, der Gedanke der Schwarmintelligenz wird bei ihm zur „Textgemeinschaft“, ein Begriff den die Nazis jüdischen Händlern und Verlegern zuschrieben. Der Begriff des von den Piraten kritisierten sogenannten Verwerters wird bei ihm zur „grauenhaften Konnotation“ für die Judenverfolgung.
Und er rechtfertigt diese überschäumenden Vergleiche mit der gleichen Logik, wie es die Nazis taten. Diese unterstellten den Juden einen Defekt. Er attestiert den Piraten „ohne jeden moralischen Kompaß unterwegs“ zu sein.
Doch in einem Punkt muss man ihm Recht geben, wenn er über sich und seine Kollegen schreibt „Die Verletzungsbereitschaft und die Geistfeindlichkeit mancher [….] Kolumnisten sprechen jenseits aller Inhalte eine eigene Sprache.“
Es ist an der Zeit, dass der Kreuzritter Matussek von seinem hohen Kamel herabsteigt und lernt, dass Repressionsapparate und Terror nicht nur aus dem Traum totaler Herrschaftsfreiheit geboren wurden, sicher aber aus Menschenverachtung entstanden sind. So gesehen, hätte die „Debatte“ wenigstens ein wenig Sinn gehabt.



Satir
Günther Kirchner

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